VON MELANIE JÜLISCH
Da freut man sich das ganze Jahr über auf den Urlaub – und dann fällt er wegen Corona ins Wasser. Oder das Festival, das schon seit zehn Monaten fest geblockt war – und dann wegen nicht geplanter Regenmassen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird. Große Ereignisse, die uns im Alltagsgrau die Welt ein wenig schöner machen sollen. Doch wie gesagt: Es sind große Ereignisse. Auf die können wir hinfiebern und uns auch darauf freuen, dass wir uns beispielsweise durch ein Konzert in dieser schrecklich langen Corona-Zeit endlich wieder richtig lebendig fühlen. Doch ist das wirklich alles? Ein paar Stunden des Loslassens und dann auf das nächste Highlight warten?
Jeden Tag aufs Neue
Erleben ist auch Genuss. Und natürlich genießen wir unseren Urlaub oder ein lange geplantes Event. Aber genießen wir wirklich in dem Maße, wie es uns guttun würde – oder wissen wir gar nicht mehr, wie das eigentlich geht? Können wir vielleicht gar nicht mehr richtig abschalten oder sind wir zurzeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt, die uns auch während eines Urlaubs oder eines tollen Events nicht aus dem Kopf gehen wollen? Und überhaupt: Reichen einige Highlights im Jahr aus? Oder sollten wir besser jeden Tag darauf achten, dass uns Gutes widerfährt? Dies muss natürlich nicht wie aus heiterem Himmel über uns hereinbrechen; vielmehr können wir uns gezielt auf die Suche danach begeben. Denn es gibt im Leben noch mehr als To-do-Listen, die unaufgeräumte Wohnung und das ganze Drumherum aus Steuererklärung, Kinderbetüdelung und dem Leben der anderen auf Instagram & Co.
Image gallery - Einfach mal Abschalten
Kleine Kraftquellen
Mit allen Sinnen genießen fällt uns deswegen oft so schwer, weil unser Kopf voll ist mit so vielen anderen Dingen. Dabei kann Genießen so einfach sein, wenn man all seine Sinne nutzt. Sei es, indem das Essen in der Mittagspause nicht hinuntergeschlungen, sondern bewusst die einzelnen Aromen wahrgenommen werden. Nicht umsonst gibt es insbesondere in psychosomatischen Einrichtungen oftmals auch das Angebot einer Genusstherapie, in der das Schmecken, Riechen, Sehen, Tasten und auch Hören trainiert werden. Kleine Übungen können die Sinne schärfen, beispielsweise der Genuss einer Tasse Tee oder Kaffee – und das in aller Ruhe. Wie fühlt sich die Tasse an? Ist der Tee heiß oder warm? Ist er süß? Knistert dort vielleicht sogar ganz leise der Kandis? Und welche Farbe hat das Getränk? Mit der Zeit lässt es sich so wachsamer durch den Alltag gehen, so dass wir verstärkt darauf achten, welche genüsslichen Augenblicke jeden Tag auf uns warten. Kleine Kraftquellen, die uns auch in stressigen Situationen wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern können.
Die Umgebung schön gestalten
„Spaß und Genuss haben übrigens auch etwas mit Schönheit zu tun. Schau dich einmal in deiner Umgebung um, und frage dich, ob du in deiner Wohnung oder an deinem Arbeitsplatz genügend Er-
holung für dein Auge findest. Sorge für schöne Anblicke, die dich glücklich machen“, rät die bekannte Psychologin Stefanie Stahl in ihrem Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“. So seien es manchmal Kleinigkeiten, die Freude bereiten, wie eine schöne Blume auf dem Schreibtisch. „Auch Düfte können glücklich machen: Ich habe zum Beispiel immer ein Fläschchen Rosenöl dabei: Wenn ich eine kleine Aufmunterung brauche, parfümiere ich mich damit. Übernimm die Verantwortung dafür, dass es dir gut geht.“ Noch ein Tipp der gebürtigen Hamburgerin: „Eine weitere gute Maßnahme, um mehr Bewusstsein für Schönheit und Genuss zu bekommen, sind auch Spaziergänge, bei denen du ganz aufmerksam auf Schönheit achtest. Stell dir vor, du hättest einen Fotoapparat dabei, oder nimm tatsächlich einen mit und suche nach schönen Motiven. Halte deine Aufmerksamkeit in der äußeren Umgebung. Das ist gar nicht so leicht, entspannt aber den Geist ungemein, weil man dann völlig von sich abgelenkt ist.“